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GEMEINDECHRONIK

KLEINE GEMEINDECHRONIK VON HEEREN-WERVE

von Karl-Heinz Stoltefuß

Die frühe Geschichte bis zum Mittelalter

Die Spuren menschlicher Besiedlung im Bereich der Gemarkung Heeren-Werve reichen zurück bis in die Jungsteinzeit (Neolithikum 5.–2. Jahrtausend v.Chr.). Ein in Werve gefundenes Steinbeil aus dieser Zeit ist im Museum der Stadt Unna zu sehen. 1993 wurden in Werve eine steinzeitliche Feuersteinspitze und einige Keramikscherben, die in die vorrömische Eisenzeit datieren, gefunden. Aus der Bronzezeit (2000 bis 700 v.Chr.) stammt eine sehr schöne bronzene Speerspitze, die beim Bau der Wohnsiedlung an der Lenningser Straße ans Tageslicht kam und im Museum der Stadt Hamm ausgestellt ist.
Bedeutend sind die Funde, die in den Jahren 1996 bis 2000 auf dem „Turmacker“, nördlich des Heerener Holzes gelegen, gemacht wurden. Hier handelt es sich um Hinweise auf eine germanische Siedlung, die in der römischen Kaiserzeit (1. bis 4. Jahrhundert n.Chr.). und in der Völkerwanderungszeit (5. bis 6. Jahrhundert n.Chr.) bestanden hat. Nach den Funden zu urteilen, hatten die germanischen Bewohner dieser Siedlung einen gewissen Anteil am gehobenen Lebensstil der damaligen Zeit, denn sie konnten sich Luxusgüter aus den weit entfernten Provinzen am Rhein beschaffen. In dieser Siedlung lebte man nicht allein von der bäuerlichen Selbstversorgung, sondern es wurden offenbar auch Bunt- und Edelmetalle verarbeitet.
Aufsehen erregte der Fund einer seltenen Doppelheiligenfibel, die in die Zeit Mitte 9. bis Anfang 10. Jahrhundert datiert wurde. Die Fibel besteht aus einer Bronzescheibe mit einem Durchmesser von 2,7 cm, auf der in stark stilisierter Form zwei Halbfiguren zu sehen sind. Bisher sind europaweit nur einige Dutzend Heiligenfibeln bekannt. Die Heerener Fibel gehört zu der ganz seltenen Untergruppe, auf der zwei Heilige dargestellt sind. Die Fibel ist im Museum der Stadt Kamen zu sehen.
Die älteste schriftliche Nachricht über Menschen, die in Heeren-Werve gelebt haben, stammt aus dem 10. Jahrhundert. In einem Güterverzeichnis des Klosters Werden finden wir den Hinweis auf den Ort Hwervi (Werve). Weiter erfahren wir, dass der Bauer Iring zum Seelenheil seines Schwiegersohnes Wiking dem Kloster Werden Eigentum übertragen hat. Der Bauer Iring saß auf dem späteren Hof Leiffermann, während sein Schwiegersohn Wiking vermutlich auf dem Hof Wiggermann zuhause war. Wir können davon ausgehen, dass diese beiden Bauern nicht die einzigen gewesen sind, die damals hier ansässig waren. Vielmehr gab es zu dieser Zeit schon die Ansiedlungen Heeren, Ostheeren und Werve, zu denen jeweils drei bis fünf Höfe zählten.
Bestimmend für das Leben in Heeren-Werve waren die vier mittelalterlichen Rittersitze, die im 12. und 13. Jh. erstmals urkundlich erwähnt werden. Es waren die alte Wasserburg Heeren und die Hakenburg in Heeren. Hier wohnten die adeligen Familien von Herne (Heeren) und Hake von Herne. In Werve standen die Wasserburg Werve und das Hanengut, nach denen sich die aufsitzenden Adelsfamilien benannten. In dieser Zeit gerieten in Heeren-Werve alle Bauern in Abhängigkeit zu einem Grundherren. Neben der Domäne (Königsgüter) waren die adeligen Häuser Grundherren.
Unter dem starken Einfluss der Adeligen wurde in Heeren-Werve auch eine eigenständige Pfarrei gegründet. Dieses Kirchspiel Heeren, zu dem die Dörfer Heeren und Werve, sowie die Bauerschaft Ostheeren gehörten, wird im Jahr 1300 erstmals urkundlich erwähnt. Vermutlich wurde um diese Zeit auch eine neue Pfarrkirche als Nachfolgebau einer kleinen Eigenkirche des adeligen Hauses Heeren errichtet.
Bis zum Spätmittelalter vergrößerten sich die Siedlungen durch die veränderten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse bedeutend. Viele bäuerliche Anwesen waren durch Erbteilung und Rodung hinzugekommen. Außerdem wurden Kötterstellen, Handwerker-, Tagelöhne- und Einliegerbehausungen neu geschaffen. Das erste schriftliche Dokument über alle im Kirchspiel Heeren vorhandenen Hofstellen, das „Schatzbuch der Grafschaft Mark“, stammt aus dem Jahr 1486. Es ist eine Steuerliste über den ländlichen bäuerlichen Grundbesitz. Für das Kirchspiel Heeren sind 35 steuerpflichtige Anwesen ausgewiesen. Hieraus lässt sich eine Einwohnerzahl von ca. 350 bis 400 ableiten.

Die Neuzeit bis zur Industrialisierung

Ev. KircheUnter dem Einfluss der Geschehnisse in der Nachbarstadt Kamen wurde vermutlich um 1580/90 in Heeren-Werve die Reformation eingeführt. Die Kirchengemeinde trat geschlossen zum evangelischen Glauben über, so dass es im Kirchspiel Heeren über lange Zeit nur wenige Katholiken gab. Diese waren in Kamen eingepfarrt. Durch die Reformation blühte auch das Schulwesen auf. Die erste Schulstube wurde vermutlich um 1616 eingerichtet.
Die Bevölkerungsstruktur war weiterhin von der Landwirtschaft geprägt. Es gab einige größere Erbpachthöfe, die trotz ihrer Abgabepflicht an den Grundherrn zu einem gewissen Wohlstand gelangt waren. Zeitpächter kleinerer Höfe und Kötterstellen, insbesondere die Eigenbehörigen (eine Form der Leibeigenschaft), litten unter den hohen Abgaben, von denen das Aufzugsgeld und der Sterbfall die bedrückendsten waren. Insbesondere nach dem 30jährigen Krieg verschärfte sich die Notlage der Bauern durch höhere Steuern und Abgaben. Hinzu kam, dass die gemeinschaftlich genutzten Weideflächen, die Allmenden, Vöhden und Huden, total ausgemergelt waren und wenig Ertrag brachten. Erst die Bauernbefreiung, die damit verbundene Aufhebung der Leibeigenschaft, die Ablösung der Höfe und vor allem die Aufteilung und Privatisierung der Allmenden, veränderten die Situation der Bauern positiv. Kunstdünger und moderne Wirtschaftsmethoden wurden eingeführt und verbesserten die Lage. In Heeren-Werve waren nach 1850 alle Bauern freie Eigentümer ihrer Höfe, Acker- und Weideflächen.

Die Zechenansiedlung und die Entwicklung zur Industriegemeinde bis 1945

Vorboten der Zechenansiedlung waren Bohrungen der Saline Königsborn nach Sole um 1845 (Rollmannsbrunnen). Dabei stieß man auf gute Steinkohleflöze. 1887 ließ der Industrielle Friedrich Grillo in Heeren im Widey einen Schacht abteufen. Damit begann eine rapide Aufwärtsentwicklung der Gemeinde. Arbeiterkolonien schossen wie Pilze aus dem Boden., die Siedlungen Widey-, Heinrich-, Luisen- und Reinhardstraße entstanden vor 1900. Viele Fremde, auch aus Ost- und Südost-Europa, fanden Arbeit auf der Zeche Königsborn Schacht 2 und eine Wohnung in den neuen Siedlungen. Die Einwohnerzahl stieg innerhalb weniger Jahre von 800 auf 4000 im Jahr 1905. Mit den Bergleuten kamen auch die Händler, Handwerker, Gastwirte und andere Geschäftsleute nach Heeren-Werve. Viele private Geschäfts- und Wohnhäuser entstanden, in ihrem Baustil häufig aufwendiger gestaltet als die meist tristen Bergarbeitersiedlungen. Zeche Königsborn Schacht 2
Der enorme Aufschwung forderte von den Kommunen Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur. Straßen wurden gebaut, die öffentliche Versorgung mit Wasser und Strom eingeführt, neue Schulen wurden errichtet. Steuerlich profitierte am meisten die Gemeinde Heeren von der Zeche. Im Jahr 1909 einigten sich, auch wohl deshalb, die Gemeinderäte von Heeren und Werve über einen kommunalen Zusammenschluss. 1910 entstand die „Bindestrichgemeinde“ Heeren-Werve.
Unter den Bergarbeiterfamilien gab es zahlreiche Katholiken, so dass um 1900 ihre Zahl auf 1000 angestiegen war. Sie bildeten zunächst eine Filialgemeinde von Kamen, bauten 1911 eine eigene Kirche und wurden 1921 eigenständige Pfarrei. Die evangelische Gemeinde stand immer noch unter dem Patronat des Hauses Heeren, das jedoch durch die starken gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen an Einfluss auf das Gemeindeleben verloren hatte. Jetzt nahm die Zeche als größter Arbeitgeber und Grundstücksbesitzer die dominierende Stellung ein.
Bei den gesellschaftlichen Gruppen kam es aufgrund der Sozialstruktur zu einer Stärkung der mit der Arbeiterbewegung verbundenen Vereine und Verbände, wie Gewerkschaft, Sozialdemokratie, Knappenverein u.ä. Aber auch in den vielen anderen Sparten, wie Sport, Gesang, Musik und Geselligkeit bestimmten immer mehr neue Vereine das gemeindliche Leben.
Die Wirren der Weltkriege hat die Gemeinde Heeren-Werve ohne nennenswerte Zerstörung überstanden. Lediglich im 2. Weltkrieg wurden die Übertageanlagen der Zeche Königsborn bei Tieffliegerangriffen beschädigt. Die Zahl der Kriegsgefallenen war, wie in allen Gemeinden, erschütternd hoch. Im 1. Weltkrieg starben über 90, im 2. Weltkrieg über 300 Söhne der Gemeinde Heeren-Werve auf den Schlachtfeldern im Osten und im Westen einen sinnlosen Tod.
In der Zeit von 1933 bis 1945 übten auch in Heeren-Werve die Nationalsozialisten die Macht aus. Sozialdemokraten und Kommunisten, die in der Weimarer Republik im Gemeinderat vertreten waren, wurden verfolgt und von allen öffentlichen Funktionen ausgeschlossen. Im April 1945 wurde die Gemeinde von den Amerikanern besetzt. Eine Militärkommission beaufsichtigte die Betriebsleitung der Zeche und regelte das gemeindliche Leben. Die in einem Lager im Südfeld eingesperrten Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter erhielten ihre lang ersehnte Freiheit. Allmählich normalisierte sich das Leben in der Gemeinde. Die großen Anstrengungen zur Beseitigung von Hunger und Not trugen bald Früchte. Die Menschen konnten wieder hoffnungsvoll in die Zukunft schauen.

Die Aufbaujahre bis zur kommunalen Neugliederung 1968

Der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegsjahre war eng verbunden mit der Nachfrage nach Steinkohle. Sie war auch für Heeren-Werve der Garant für wachsenden Wohlstand und Vollbeschäftigung. Schon bald nach dem Krieg waren auf der Schachtanlage Königsborn 2/5 über 2500 Bergleute beschäftigt. Viele davon waren von auswärts zugezogen. Der Wohnungsbau war eine große Herausforderung. Durch staatliche und betriebliche Förderung wurden sehr schnell einige Projekte zur Schaffung von Bergarbeiterwohnungen verwirklicht. So entstand 1951/52 die große Wohnsiedlung zwischen Pröbstingstraße und Bergstraße. In der Südfeld- und VdK-Siedlung konnten viele Bergleute den Traum vom eigenen Häuschen verwirklichen. In dieser Blütezeit wohnten in Heeren-Werve fast 10.000 Einwohner.
Doch die ersten dunklen Wolken am Wirtschaftshimmel zogen bereits Mitte der 50er Jahre auf. Im Bergbau wurden Feierschichten eingelegt, die Kohlenfördermenge durch Schließung von Zechen zurückgenommen. In Heeren-Werve wurde 1965 die Förderung eingestellt und nach Bönen verlegt. Nach fast 80jähriger Bergbautradition drehten sich in Heeren die Förderräder am Schachtgerüst nicht mehr.
Die allgemeine Krisenstimmung in der Bergbauregion war auch für die Politik der Anlass, über eine Neuordnung der kommunalen Gebiets- und Verwaltungsstrukturen nachzudenken. Führender Kopf dieser Diskussion war der in Heeren-Werve geborene Landrat des Kreises Unna, Staatsminister a.D. Hubert Biernat. Er hatte die wesentlichen Weichen gestellt, als er im Oktober 1967 plötzlich verstarb. Die starken Bestrebungen zur Gründung einer selbständigen Gemeinde mit eigener Verwaltung konnten sich am Schluss des Diskussionsprozesses in Heeren-Werve nicht durchsetzen. Durch ein Landesgesetz zur Neuordnung des Kreises Unna wurde die Gemeinde Heeren-Werve der Stadt Kamen zugeordnet. Seit dem 1.1.1968 ist Heeren-Werve Teil einer neuen Stadt Kamen.

 

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